Liebe Mama, lieber Papa,

ich wende mich mit diesem Brief an euch, mit dem Ziel, euch meine Sicht auf die zukunftsentscheidende Bundestagswahl am 26. September darzulegen, und ich bitte euch, den kompletten Brief bis zum Ende zu lesen und darüber nachzudenken. Das ist alles.
Ich habe euch ein Quellenverzeichnis angefügt durch Fußnoten, damit ihr die wichtigsten Punkte nochmal nachlesen könnt, falls ihr mögt.

Ja, auch mir kommt das Klimathema langsam aus den Ohren raus.
Es macht mich verdammt müde, weil ich so unglaublich entsetzt darüber bin, wie mit den jungen Generationen umgegangen wird. Doch 2021 war ein entscheidender Wendepunkt.
Denn Ende April fällte das Verfassungsgericht Karlsruhe ein sehr wichtiges Urteil. Verbände und einzelne Menschen hatten dagegen geklagt, dass der Staat durch seine unzureichende Klimapolitik die Grundrechte und Freiheiten seiner Bürger*innen gefährde und somit seiner Schutzpflicht nicht nachkomme. Ihnen hat das Verfassungsgericht nun Recht gegeben: Das Klimapaket der Bundesregierung von 2019 reicht nicht aus, um uns Bürger*innen zu schützen. [1]
Das Urteil ist deshalb ein bedeutender und positiver Wendepunkt, weil es eine neue Rechtsgrundlage in Sachen Klima schafft.

Doch Anfang August gab es auch einen negativen Wendepunkt. Denn der neue Bericht des Weltklimarats IPCC, an dem hunderte Forscher*innen über drei Jahre lang geschrieben haben, ist erschütternd. Durch unzureichenden Klimaschutz, das ständige Verfehlen von Klimazielen und daraus resultierende Umweltkatastrophen wird sich die Erde vermutlich bereits Anfang der 2030er-Jahre um 1,5 Grad erwärmt haben, anstatt wie zuvor angenommen zwischen 2040 und 2050. [2]
Die CDU/CSU jedoch und auch die SPD streben in ihren Wahlprogrammen Klimaneutralität bis 2045 an, die FDP bis 2050. Den Ausstieg aus der Kohle wollen sie bis 2038 schaffen. [3]
Das wären noch ganze 24 Jahre, bis Deutschland mit der aktuellen Regierung klimaneutral wäre – und das, obwohl uns vielleicht nur noch neun Jahre bleiben.

Hier könnt ihr sehen, dass keine einzige Partei genug Klimaschutz in ihrem Wahlprogramm hat. [4]

So groß ist das verbleibende Budget für Deutschland ab 2022 bei weltweit gleichverteilten Pro-Kopf-Emissionen

1,5 Grad wird mit 50 % Wahrscheinlichkeit erreicht
2,97 Gt CO2

So hoch wären die CO2 Emissionen aus den Parteiprogrammen

Die Linke
4,9 Gt CO2
Die Grünen
5,3 Gt CO2
SPD
7,1 Gt CO2
CDU/CSU
7,1 Gt CO2
FDP
10,7 Gt CO2

Ihr seht, es wird und wurde nicht genug getan! Stattdessen verdreht die Politik Wahrheiten, um weiterhin wegzusehen.
Hier zwei Beispiele dafür:

  1. Armin Laschet behauptete gegenüber der Bildzeitung, dass ein Tempolimit wenig Auswirkungen auf den CO2-Ausstoß habe. [5] Das ist schlichtweg falsch. Richtig ist: Durch ein Tempolimit von 120 km/h auf deutschen Autobahnen könnte so viel CO2 eingespart werden [6] wie der gesamte innerdeutsche Flugverkehr in einem Jahr verursacht. [7]
  2. Der Ausbau von erneuerbarer Energie in NRW wird von der Landesregierung massiv behindert. Kleinsiedlungen ab drei Häusern müssen 1000 Meter Abstand zu Windrädern haben, aber zu einer Kohlegrube nur 150 Meter [8]. Das macht in einem dichtbesiedelten Bundesland wie NRW den Ausbau der erneuerbaren Energien schier unmöglich. Die Regierung unter Armin Laschet legte dies vor vier Monaten fest. [9] [10]

Ich möchte euch abschließend einen – leider sehr düsteren – Ausblick geben. Wir steuern momentan auf eine Erderwärmung von drei Grad zu.
Bis zum Jahr 2050 wird dadurch ein Hungerrisiko für acht bis achtzig Millionen Menschen zusätzlich erwartet, wobei schon 420 Millionen Menschen von Hitzewellen betroffen sein werden [11]. Das sagt auch wieder der Weltklimarat IPCC.

Bei über 1,5 Grad Erderwärmung werden ganze Inselstaaten im Meer versinken. Viele Menschen werden ihre Lebensgrundlage verlieren und vor den Klimafolgen fliehen müssen.
Ab 2 Grad Erwärmung kann das Klima kippen. Durch den verlangsamten Jetstream erwärmt sich die Arktis und das Polareis schmilzt. Hitzeperioden werden immer länger, wodurch Missernten verstärkt auftreten.
Bei 3 Grad Erwärmung werden Gletscher, Flüsse und ganze Regenwälder verschwinden.
Ab 4 Grad werden ganze Regionen, unter anderem in den USA, nicht mehr bewohnbar sein. Und auch Südeuropa wird zu einer Dürreregion [12]. Wasser wird somit noch wertvoller und immer mehr Menschen werden unter Wassermangel leiden. Viele Menschen werden aufgrund von Unterernährung, Hitzetod und Infektionen sterben [13].
Regionen, die am Wasser liegen, werden immer wieder überflutet, auch in Europa. Aufgrund von Hungersnöten oder zerstörerischen Umweltkatastrophen werden Menschen rund um den Globus aus ihren Heimatregionen fliehen müssen. Kriege um knappe Ressourcen werden unvermeidbar.
Wenn sich dann das Klima weiter erwärmt, werden alle Arten auf diesem Planeten nach und nach aussterben. [14] [15]

Ich habe hier nur einige wenige Beispiele genannt, die ich mir leider nicht ausgedacht habe. Das ist der Grund, warum ich diesen Brief schreibe. Ich möchte nicht mehr hören, dass unsere Generation empfindlich sei und dass sich das alles wieder regeln wird. Und ich möchte den Kindern, die mir eines Tages vielleicht mal die Frage stellen, ob ich für ihre Zukunft gekämpft habe, sagen, dass ich es zumindest versucht habe. Und ich wünsche mir, dass ich sagen kann, dass auch ihr den Ernst der Lage rechtzeitig begriffen habt. Wir stecken in der größten existentiellen Krise der Menschheit, denn hierbei geht es nicht nur um einzelne Menschen, sondern um den ganzen Planeten, dem wir unser Leben verdanken.

Schon heute fehlt es den Menschen in vielen Ländern an Nahrung und Wasser. Immer häufiger wird die Heimat und werden Wohnhäuser von Menschen überschwemmt, Wälder und Städte brennen ab. Längst nicht mehr nur im globalen Süden, sondern auch vor unserer Tür. Das alles ist zu einem gewaltigen Teil die Schuld deutscher Politik, die ihre Verantwortung nicht erkannt hat.
Niemand kann sich aussuchen, wo oder wann er oder sie geboren wird. Doch ich habe das unglaublich große Privileg, in Deutschland zu leben und mit meiner Stimme auf die Menschen aufmerksam machen zu können, die hier keine Stimme haben, aber für die wir eine Verantwortung tragen.

Nennt es wie ihr wollt, ob links oder grün, ob abgehoben oder naiv. Ich nenne es logisch, denn es geht um meine Zukunft und falls ich mal Kinder haben sollte, auch um deren Zukunft. Klimaschutz ist nicht links oder grün, sondern existentiell!

Es geht um die Zukunft von Sarah, Carla, Ahmed, Paul, Aischa und Lukas. Doch sie haben noch keine Stimme, weil sie zu jung sind.
18- bis 29-Jährige machen nur knapp 15 Prozent aller Wahlberechtigten in Deutschland aus, 40- bis 60-Jährige haben mit gut 33 Prozent [16] mehr als doppelt so viel Einfluss bei der Wahl. Die zukünftigen Generationen sind in unserer Demokratie unterrepräsentiert. Deswegen müssen wir alle an einem Strang ziehen.
Wir haben noch zwei Amtsperioden Zeit, bis das 1,5 Grad-Ziel überschritten wird, und die nächste Regierung muss die entscheidenden Weichen stellen. Es geht jetzt darum, das kleinste Übel zu wählen, denn keine Partei macht genug fürs Klima!
Ihr habt die Verantwortung.
Deshalb bitte ich euch um eure Stimmen.

Ob ihr nun die Kandidat*innen der anderen Parteien, die es mit dem Klimaschutz ernst meinen, mögt oder nicht – macht das bitte nicht zu eurer Wahlentscheidung. Sondern uns. Wählt für diesen Planeten, für eure Kinder, Enkel*innen und Urenkel*innen. Und für die Menschen, die bereits heute unter unserer verantwortungslosen Klimapolitik leiden. Die Zahlen belegen: Die jetzige Regierung hat für diese enorm große Aufgabe kein Konzept und ist deswegen keine Option fürs Klima.

Es liegt alles in der Hand eurer Generation.
Wir brauchen euch jetzt mehr denn je.


Quellenverzeichnis

[1]  https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2021/bvg21-031.html

[2]  https://www.umweltbundesamt.de/themen/ipcc-bericht-klimawandel-verlaeuft-schneller

[3]  https://www.tagesschau.de/inland/btw21/programmvergleich-klimaschutz-109.html

[4]  https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2021-08/klimaschutz-wahlprogramme-bundestagswahl-klimapolitik-pariser-klimaabkommen/komplettansicht

[5]  https://www.tagesschau.de/faktenfinder/streit-tempolimit-101.html

[6]  https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/tempolimit-auf-autobahnen-mindert-co2-emissionen

[7]  https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/flugscham-wie-klimaschaedlich-sind-inlandsfluege-wirklich-a-1279035.html

[8]  https://taz.de/Klimapolitik-der-Christdemokraten/!5780751/

[9]  https://www1.wdr.de/nachrichten/landespolitik/windraeder-abstand-anhoerung-gesetz-100.html

[10] https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-23-juli-2021-100.html

[11] https://www.tagesschau.de/ausland/weltklimarat-erderwaermung-bericht-101.html

[12] https://www.tagesschau.de/ausland/weltklimarat-erderwaermung-bericht-101.html

[13] https://www.youtube.com/watch?v=FoMzyF_B7Bg

[14] https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/quarks-und-co/video-szenarien-der-erderwaermung-was-waere-wenn--100.html

[15] https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/downloads/report/IPCC_AR6_WGI_SPM.pdf

[16] https://www.bundeswahlleiter.de/info/presse/mitteilungen/bundestagswahl-2021/01_21_wahlberechtigte-geschaetzt.html

Warum wir das machen

Wir sind Paula Gaess, Sebastian Walker und Annika Heuss. Wir sind keiner Partei zugehörig und auch sonst von keiner Organisation gefördert. Allerdings ist uns der Ernst der Lage bekannt und wir wollen mit unseren Mitteln versuchen, die Klimakrise aufzuhalten. Dafür ist die nächste Bundestagswahl entscheidend und wir müssen diese nutzen, um für unsere Zukunft zu wählen.

Paula studiert Politikwissenschaften in Leipzig und engagiert sich in der Seenotrettung bei Resqship e.V.

Basti studiert IT-Systems Engineering in Potsdam und entwickelt mit seiner Agentur Apps und Datenbanksysteme.

Annika studiert Ökosystemmanagement in Göttingen und engagiert sich in ihrer Freizeit regelmäßig für mehr Klimaschutz.

Uns ist wichtig, eine faktenbasierte Diskussion zum Thema Klimapolitik zu führen, denn uns rennt die Zeit davon. Wir brauchen jetzt einen Kurswechsel mit konkreten und pragmatischen Maßnahmen, damit Klimaschutz endlich ernst genommen wird.

Wir hoffen, wir konnten dich motivieren, Paulas Brief weiterzuleiten!

Liebe Großeltern

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